Donnerstag, November 26, 2009

Michael Eldred 2007

manchmal ist es angezeigt, etwas Selbstverständliches vorab auszudrücken: dieser Beitrag wird hier wiedergegeben, um ihn zur Diskussion zu stellen. vieles in Eldreds Text ist "schön und gut". Jedoch wenn ich auf das Ende sehe ...
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Abstract
'Value is a game — Thinking Marx differently', talk given at the Philosophical Café in Wuppertal on 22 January 2007. The famous "labour theory of value" that provides the conceptual foundation for Marx's Capital has been attacked ever since the first publication of Marx's main work. As a price theory, the LTV has been shown to be untenable. A consistently phenomenological reading of the value-form in the first chapter, however, allows an alternative concept of value to be developed upon whose basis a socio-ontological vista of civil society opens up, played out as the struggle for the powers residing in things and the abilities residing in the human players to be recognized, estimated, valued and validated.

1. Werte
Unsere natürliche metaphysische Einstellung heute zum Wert ist eine subjektive, man könnte sagen, eine Kantische. Das Subjekt 'projiziert' seine Werte in die Dinge, die ihrerseits 'objektiv' gegeben sind. Eine solche Denkweise ist gang und gäbe. Wir reden auch von unseren abendländischen oder christlichen Werten und grenzen sie ab etwa gegenüber den orientalischen und muslimischen. Zu unseren heutigen Werten gehören auch die Menschenrechte, deren Inhalt im Westen immer umfassender geworden ist. So gibt es nicht nur ein universales Menschenrecht auf Eigentum an seiner eigenen Person, das die Sklaverei verbietet, sondern auch etwa angeblich ein Menschenrecht auf soziale Absicherung, auf einen gesellschaftlich zulässigen Lebensstandard, der ein Absinken in die Armut verhindert, usw.

Von Werten in diesem allgemeinen und hohen Sinn wird hier nicht die Rede sein. Stattdessen wollen wir uns auf den Weg machen zu sehen, wie der Wert ganz alltäglich an den Dingen und gar an den Menschen selbst im gesellschaftlichen Verkehr entsteht und erscheint. So werden wir sehen, daß der Wert nicht als etwas Subjektives, geschweige denn als eine Sache der bloßen subjektiven Meinung, begriffen werden kann.

Für den folgenden Weg wird es nützlich sein, den phänomenalen Gehalt des Worts 'Wert' ganz vorläufig zu umreißen. Etwas oder jemand hat Wert oder ist wertvoll in einem ganz profanen Sinn, wenn es bzw. er zu etwas gut ist bzw. zu etwas taugt innerhalb der Gebräuche des Alltags. In einem abgeleiteten Sinn hat ein gut brauchbares Etwas Wert, indem es gegen etwas anderes Brauchbares getauscht werden kann. Das deutsche 'Wert haben' entspricht dem lateinischen 'valere', was so viel bedeutet wie 'stark, mächtig, einflußreich sein; auch Wert haben, einschließlich monetären Werts'. Das lateinische 'valere' wiederum entspricht dem griechischen du/nasqai, das Verbum zu du/namij, das griechische Wort für Macht, Kraft, Vermögen, Fähigkeit, Wert. Insbesondere etwas Wertvolles hat die du/namij oder Kraft, gegen Geld oder etwas anderes Wertvolles getauscht zu werden.

Unser Ausgangspunkt ist das berühmte erste Kapitel 'Die Ware' aus dem Kapital von Karl Marx, in dem die berühmt-berüchtigte Arbeitswerttheorie und der Wertbegriff als Erstes systematisch entwickelt werden.

2. Die Marxsche Arbeitswertlehre und die Marxsche Wertformanalyse
Nach einer gängigen oder gar orthodoxen Deutung der Marxschen Werttheorie besagt sie, daß die Waren, die auf den unzählig verschiedenen Märkten "unsrer kapitalistischen Gesellschaft" (MEW23:58) tagtäglich getauscht werden, die Hände wechseln im Verhältnis zu der in ihnen verkörperten "gesellschaftlich notwendigen Arbeit" (MEW23:89). Diese "gesellschaftlich notwendige Arbeit" soll das quantititive Maß abgeben für die Austauschverhältnisse sowie für den Wert, den eine bestimmte Ware objektiv verkörpert und darstellt. Die Substanz des Werts nach dieser Deutung ist demnach die geleistete und in der fertigen Ware verkörperte Arbeit, die, wie man sagt, durch die Zeit 'objektiv' gemessen werden kann. Die Wertsubstanz dann regelt die Tauschverhältnisse unter den Waren als ein inneres Maß, das unabhängig ist von den Tauschverhältnissen und in der Produktionssphäre bestimmt werden kann. So ungefähr lautet die sogenannte Arbeitswertlehre.

Sie bildet die begriffliche Basis, auf der die Theorie des Mehrwerts im Kapital entwickelt wird, die besagt, daß die vom Kapitalisten beschäftigten Arbeiter den Mehrwert produzieren, weil sie mehr Arbeit leisten, in Arbeitsstunden gemessen, als sie vom Kapitalisten in Arbeitslohn bezahlt bekommen[, der im Wert nur einem Teil der für den Kapitalisten geleisteten Arbeit entspricht]. Demnach ist der Profit des Kapitalisten nichts anderes als eine verwandelte Form der Mehrarbeit, die die Arbeiter über die notwendige Arbeit leisten[, die notwendig ist in dem Sinn, daß in den notwendigen Arbeitsstunden des Arbeitstags die Arbeiter das Wertäquivalent ihres Arbeitslohns produzieren]. So — nach dieser orthodoxen Arbeitswertlehre — werden die Arbeiter als die Wertschöpfenden vom Kapitalisten systematisch ausgebeutet.

Nun ist diese Marxsche Arbeitswertlehre[, die sich von der Ricard'schen Arbeitswertlehre nicht unterscheidet,] von Anfang an heftig angegriffen worden[ sowohl empirisch als auch gedanklich. So hat es z.B. das sogenannte Transformationsproblem gegeben, das sich mit dem theoretischen Problem beschäftigt, wie die Arbeitswerte der Waren sich in Preise verwandeln, die einen durchschnittlichen Profit darstellen, die sog. Produktionspreise, die schon für Ricardo ein theoretisches Problem darstellte. Aber] bereits 1894 hat ein früher Kritiker des Marxschen Kapital Eugen von Böhm-Bawerk eher im Vorbeigehen(2) seinen Finger auf den eigentlichen wunden Punkt der Arbeitswertlehre gelegt. Er fragte im Rückgang auf Aristoteles, warum überhaupt die Arbeit die Substanz des Warenwerts ausmachen soll und nicht vielmehr die Brauchbarkeit bzw. der Gebrauchswert, der jedoch kein auf der Hand liegendes, inhärentes, quantitatives Maß besitzt.

[Das gedankliche Problem mit der Marxschen Arbeitswertlehre liegt schon in der Qualifizierung des Wertmaßes als "gesellschaftlich notwendige Arbeitszeit". Warum ist dies ein Problem? Weil nicht alle Arbeiten gleichermaßen wertproduzierend sind, so daß quantitativ betrachtet qualitativ wertschöpfendere Arbeit quantitativ als "multiplizierte einfache Arbeit" (MEW23:59) gelten, so daß in der gleichen Zeit unterschiedlich große Wertquanta produziert werden. Und wie wird nach Marx der Multiplikationsfaktor bestimmt, mit dem die einfache Arbeit multipliziert werden soll, um der wertschöpfenderen Arbeit gleich viel Wert zu sein? Wie Marx ausdrücklich sagt: nur über die Tauschverhältnisse auf dem Markt, d.h. "durch einen gesellschaftlichen Prozeß hinter dem Rücken der Produzenten" (MEW23:59). Die gesellschaftlich notwendige Arbeitszeit soll jedoch gerade die Tauschverhältnisse regeln. Dies ist offenbar eine Zirkularität, die die Marxisten seit jeher angeblich 'dialektisch' aufzulösen bestrebt sind. Wie wir sehen werden, entstammt diese Zirkularität einem grundlosen Spiegelspiel.]

Marx selber läßt den Widerspruch in seiner Fassung der Arbeitswertlehre stehen. Er löst ihn nicht auf, auch wenn er die schlichte Ricardo'sche Fassung der Arbeitswertlehre mit seiner Wertformanalyse ergänzt. "Die Wertform," sagt Marx, "deren fertige Gestalt die Geldform, ist sehr inhaltslos und einfach. Dennoch hat der Menschengeist sie seit mehr als 2000 Jahren vergeblich zu ergründen gesucht,..." (MEW23:11f) Die "2000 Jahre" sind ein Hinweis auf Aristoteles, der in seiner Nikomachischen Ethik die Wertform durchaus analysiert, aber die Arbeit als die Wertsubstanz nicht zu entdecken vermochte, angeblich "weil die griechische Gesellschaft auf der Sklavenarbeit beruhte", wie Marx schreibt (MEW23:74).

Schon der Ausdruck "Wertform", der das Wort "Form" enthält, stellt einen Hinweis auf den Umstand dar, daß wir es hier mit einer ontologischen Fragestellung zu tun haben. 'Form' ist eine Standardübersetzung vom griechischen i)de/a und ei)=doj, die beide eine maßgebliche Rolle in sowohl der Platonischen als auch der Aristotelischen Metaphysik spielen. Diese beiden Begriffe benennen das Sein des Seienden, d.h. den Anblick, den ein Seiendes als solches von sich zeigt. Was aber hier signifikant ist, ist, daß die Wertform in einem fundamentalen, universellen und einfachen gesellschaftlichen Prozeß — nämlich im tagtäglichen Austausch der Waren — angesiedelt ist, und deshalb als Phänomen die Möglichkeit enthält, einen Grundbegriff für eine Sozialontologie zu liefern, denn auf den Märkten haben Menschen auf praktische, handelnde Weise miteinander zu tun und sind dadurch auf alltägliche Weise 'assoziiert', d.h. vergesellschaftet.

Wenden wir uns einem sehr knappen Umriß der begifflichen Analyse der Wertform zu.
3. Spiegelspiel der Werte
Die Wertform entsteht erst durch ein Spiegelspiel. Die verschiedenen Wertformen — einfache, relative, äquivalente, entfaltete, allgemeine Wertform und die Geldform, — sind alle Tauschverhältnisse bzw. Momente derselben. Die eine Ware drückt ihren Wert in einer anderen Ware, in anderen Waren oder in Geld aus. Dieser "Wertausdruck" (MEW23:67) braucht laut Marx einen "Wertspiegel" (MEW23:72),(3) der durch die Ware oder das Geld in der Äquivalentform gegeben ist. Der Wert als abstrakt allgemeine Arbeit, behauptet Marx, drückt sich in einem "Wertverhältnis" (MEW23:66) aus, das ein Spiegelverhältnis ist. Marx nennt dieses Wertverhältnis auch eine "Reflexionsbestimmung" (MEW23:72), in der die eine Ware eine Wertform annimmt, nur weil die andere Ware diese Wertform widerspiegelt — und auch umgekehrt. Wir befinden uns also in der Spiegelhalle des Werts. Betrachten wir die Sache näher.

In erster Linie ist ein Arbeitsprodukt, das auf dem Markt als Ware angeboten wird, ein Gebrauchswert. Es ist wertvoll, weil es zu irgendeinem menschlichen Zweck brauchbar ist. [Es ist gut zu irgendeinem Zweck. ]Solche Zwecke entstehen und sind nur im Zusammenhang mit den Gebräuchen oder gewohnten Praktiken, in denen Menschen in Gesellschaft leben. Schuhe z.B. sind Gebrauchswerte, nur weil und insofern Menschen den Brauch haben, Schuhe zu tragen. Gebrauchswerte sind deshalb weder rein objektiv noch rein subjektiv, sondern subjekt-objektiv. Etwas ist nur objektiv zu einem bestimmten Zweck zu gebrauchen, wenn es gewisse Eigenschaften besitzt, und etwas ist nur wertvoll und nützlich, wenn menschliche Subjekte die entsprechenden Alltagspraktiken pflegen, in denen das betreffende Etwas gebraucht wird. In einer Gesellschaft z.B., in der Pferdewagen als Verkehrmittel nicht mehr gebraucht werden, d.h. diesen Brauch nicht mehr pflegen, haben Pferdewagen keinen Gebrauchswert (mehr).

Gebrauchswerte sind in der Regel nicht Gebrauchswerte nur für einen einzelnen Menschen[ bzw. nur für den Menschen, der den Gebrauchswert produziert hat]. Sie sind Gebrauchswerte-für-andere, indem sie auch von anderen Menschen gut gebraucht werden können. Dieser Umstand verleiht dem Gebrauchswert einen abgeleiteten Tauschwert. Gebrauchswerte können unter einander getauscht werden, weil jeder Gebrauchswert sich auch potentiell anbietet als ein Gebrauchswert-für-andere. In einer Marktgesellschaft wie der unseren werden Gebrauchswerte in der Regel für andere, für den Markt hergestellt, auf dem sie einen Tauschwert besitzen, in dem Sinn, daß sie die Kraft innehaben, sich gegen andere Gebrauchswerte in einem gewissen, meist schwankenden quantitativen Marktverhältnis auszutauschen. Wo das Geld sich als der allgemeine Vermittler des Warentausches etabliert hat, nennt sich das quantitative Tauschverhältnis gegen Geld der Preis einer Ware. Das Geld als Ding übernimmt die Rolle des Wertspiegels, der den Wert aller Waren reflektiert. Der Preis einer Ware kann real oder wirklich sein, wenn die Verkaufstransaktion vollzogen wird, oder aber ideal und potentiell, so lange die Ware nur zu einem bestimmten Preis angeboten wird, der nicht notwendig auf dem Markt tatsächlich erzielt wird. Durch das Geld steht jedes Warenprodukt in einem potentiellem Tauschverhältnis mit jeder anderen Ware, so daß man sagen kann, daß der Tauschwert ein allgemeines, abstraktes, gesellschaftliches Verhältnis ist, das alle Warenprodukte — und vermittelt durch die Produkte, auch die unzähligen verschiedenen konkreten Arbeiten, die sie produziert haben — miteinander abstrakt-allgemein assoziiert. [Dieses geldvermittelte Sozialverhältnis ist abstrakt, weil alle Waren durch ihre verschiedenen, meist schwankenden Preise dem Geld gleichgesetzt sind, und das Geld ist ein qualitätsloses, d.h. abstraktes Medium, das nur quantitative Wertunterscheidungen zuläßt. Der Tauschwert drückt sich nur quantitativ in einem Preis aus. ]Das Geld dient als quantitativer Wertspiegel für den Wert einer jeweiligen Ware, und vermittelt durch das Geld dient jede Ware als Wertspiegel, quantitativ sowie qualitativ, für jede andere Ware.

Kontra Marx läßt sich jedoch nicht behaupten, daß der Tauschwert in Geld oder anderen Waren nur ausgedrückt wird in dem Sinn, daß eine bestimmte Menge geleistete Arbeit, die nun im Arbeitsprodukt steckt, das Tauschverhältnis quantitativ regelt. Vielmehr sind die unzähligen Warentauschverhältnisse in einer Marktwirtschaft ein Spiegelspiel, in dem jede Ware als Wertspiegel der anderen dient und jede Ware erst im Wertspiegel der anderen Waren sieht, was sie wert ist. Erst im vollzogenen Tauschverhältnis stellt sich heraus, daß und inwiefern eine Ware wert ist und zwar durch die Anerkennung ihres Werts im Durchgang durch den Wertspiegel der anderen Waren bzw. im Geld. Es nützt nichts, daß geleistete Arbeit[, sogar mit den jeweils herrschenden Produktionsverfahren geleistete Arbeit] in einem nützlichen Arbeitsprodukt steckt, wenn der Markt dieses Arbeitsprodukt faktisch nicht anerkennt als einen Wert und ihm die Wertspiegelung verwehrt. Es sind die jeweils herrschenden und immer schwankenden Marktbedingungen, die die Wertanerkennung gewähren oder vorenthalten bis hin zur völligen Verweigerung, die angebotene Ware als wertvoll anzuerkennen.

Damit ist der kausale Zusammhang zwischen der Produktion einer Ware und ihrer Anerkennung als Wert durchgeschnitten. Der Wert zeitigt sich in einem Spiegelspiel der Anerkennung unter den Waren selbst auf dem Markt. Er wird nicht produziert, so wie eine Ware als Gebrauchswert technisch präzise und berechenbar hergestellt wird, und auch die Arbeit, die die Ware herstellt, schafft keinen Wert. Der Wert, den eine Ware darstellt, kann nicht durch die geleistete Arbeit, die sie verkörpert, im voraus berechnet werden. Der Wert läßt sich überhaupt nicht herstellen und er läßt sich nur nach Erfahrungsregeln und nicht von einem Prinzip her quantitativ voraussagen. Vielmehr verhält sich die Sache umgekehrt: Die Arbeit, die die Ware produziert, wird erst im Spiegelspiel des Werts als wertvoll auf dem Markt faktisch anerkannt. Der Wert hat keine Substanz, sondern als gesellschafliche Kategorie kommt er erst in einem gesellschaftlichen Reflexionsverhältnis, d.h. erst in einer Vergesellschaftung der Ware als Ware im Spiegel der anderen Waren, zustande. Das Wertsein selbst ist ein Wertverhältnis. Deshalb ist der Wertbegriff ein Grundbegriff einer sozialen Ontologie, d.h. einer Lehre des gesellschaftlichen Seins der Menschen. [Die Kategorien einer sozialen Ontologie sind Reflexionsbestimmungen, in denen sowohl die Dinge als auch die Menschen in einem Spiegelverhältnis zueinander stehen. Darüber hinaus ist der Wert als Kategorie eines gesellschaftlichen Anerkennungsspiels eine Idee, und insofern ist es unsinnig, eine Gesellschaft, in der es um die Schätzung von Werten in einem Marktgeschehen geht, 'materialistisch' zu nennen.

Die Verhältnisse unter den Menschen sind ein Spiel, weil jeder individuelle Mensch als freies Wesen der grundlose Ausgang oder Ursprung seiner eigenen Selbstbewegungen ist, so daß, wenn Menschen zusammenkommen, es immer ein Zusammentreffen von zwei oder mehr Grundlosigkeiten ist, was eben ein grundloses Wechselspiel in Gang bringt. ]Das Spiegelspiel, in dem sich der Wert zeitigt, ist als Spiel grundlos und läßt sich nicht kausal, nicht einmal als komplizierte kausale Wechselwirkung bestimmen bzw. ausrechnen, weder empirisch noch im Prinzip. Das Wertspiegelspiel ist deshalb zwar ein Wechselspiel aber keine Wechselwirkung. Die Ware als Wert existiert, oder vielmehr schwebt in der Differenz zwischen Objekt und Subjekt, zwischen der Realität und der Idealität der Ware. Als ein Reales ist die Ware ein endliches Ding mit bestimmten Qualitäten und Eigenschaften. Als ein Ideales ist die Ware entworfen als Gebrauchswert innerhalb eines menschlichen Entwurfs. Im Tauschgeschehen auf dem Markt sind diese beiden Wesensmomente der Ware in einem unkalkulierbaren Wechselspiel miteinander verschränkt. Deshalb liegt auch eine ontologische Kluft zwischen der Wirtschaftswissenschaft und den Naturwissenschaften.

[Der Kern der Wahrheit in der Marxschen Arbeitswertlehre ist, daß in einer Marktgesellschaft die menschliche Arbeit — zuächst vermittelt durch die Arbeitsprodukte, die diese Arbeit verkörpern — in Geld abstrakt-allgemein als wertvoll anerkannt wird. Das Marktgeschehen selbst bewertet die Waren und die Arbeit, die sie verkörpern. Das Geld selbst als Ding ist in Wahrheit ein verdinglichtes gesellschaftliches Verhältnis bzw. eine Reflexionsbestimmung, da es ist, was es ist, nur durch die vermittelnde Rolle, die es im Spiegelspiel des Werts spielt, und nur solange die Waren das Geld erkennen als das, worin sie ihren Wert spiegeln. Der Wert als eine abstrakt-allgemeine und auch im Geld verdinglichte Kategorie assoziiert auch die menschliche Arbeiten als wertvoll auf abstrakt-allgemeine, verdinglichte Weise gerade durch das Spiegelspiel auf dem Markt. ]

4. Vergesellschaftung als Wechselspiel der Kräfte
Jetzt mit dem Wertbegriff als einem genuin sozialontologischen Begriff ausgestattet sind wir in der Lage, ein paar Schritte auf dem Terrain einer Sozialontologie zu tun. Zunächst kann sich der Weg fortsetzen durch eine Marxsche Landschaft. Bisher haben wir nur das Wertsein von Waren, die Arbeitsprodukte sind, betrachtet. Arbeitsprodukte als Gebrauchswerte haben das Potential, im Gebrauch brauchbar zu sein und haben insofern eine Kraft. Gebrauchswerte sind Gebrauchskräfte. Sie können gebraucht werden. Insofern ist das Spiegelspiel der Warenwerte auf dem Markt ein Kräftespiel aber nicht, indem die in den Waren innewohnenden Gebrauchskräfte auf dem Markt verwirklicht werden, sondern nur indem sie ideel von potentiellen Käufern — in einem Kräftespiegelspiel reflektiert — gesehen, eingeschätzt und geschätzt werden. Die Warenprodukte, die Konsum- oder Produktionsgüter sein können, zeigen sich auf dem Markt als die Träger von brauchbaren Qualitäten, die potentielle Käufer zum Kauf verlocken sollten. Sie stellen sich ideel als wertvoll dar und zu diesem Zweck stellen sie ihre Vorzüge zur Schau. Das Spiegelspiel der Werte ist daher auch eine Zurschaustellung von brauchbaren und manchmal verlockenden Kräften, die die Waren vorgeben zu besitzen.

Bekanntlich jedoch gibt es nicht nur Arbeitsprodukte, und nicht einmal alle Arbeitsprodukte sind dinglich — Dienstleistungsprodukte sind genauso Warenwerte [wie handgreifliche Warendinge ]und auch sie nehmen teil am Spiegelspiel der Warenwerte. Zudem umfaßt die Welt der käuflichen Waren auch die Arbeitskraft, die Erdoberfläche sowie das Geld selbst. Verpachteter Grund und Boden wirft eine Grundrente ab, und geliehenes Geld Zinsen. Die dem Arbeiter innewohnende Arbeitskraft wird einem sogenannten 'Arbeitgeber' geliehen, der die Arbeitskraft dann ins Werk setzt, d.h. verwirklicht als ausgeführte Arbeit. Arbeitskraft, Boden und Produktionsmittel werden die drei Produktionsfaktoren genannt, und nur durch ihr Zusammenwirken kommt ein Arbeitsprozeß zustande. Das Produkt, das in diesem Arbeitsprozeß entsteht, wird verkauft, d.h. als ein Wert honoriert, und dadurch werden die in den Produktionsfaktoren innewohnenden Produktivkräfte auch indirekt anerkannt als zum Endwarenwert beitragend. Umso mehr ist es unsinnig zu behaupten, daß der Wert einer Ware allein durch die Arbeitszeit, in der Arbeitskraft im Produktionsprozeß verausgabt wird, gemessen werden könnte[, denn verschiedene und vor allem produktivere Produktionsmittel bedeuten auch qualitativ verschiedene Arbeiten und deshalb auch ein quantitativ verschiedenes Ausmaß an Wertanerkennung im Geld].

Mit der Erweiterung des Kreises des Käuflichen auf beinahe alles Seiende in der Welt — Dinge sowie Menschen bzw. deren unterschiedliche Fähigkeiten und andere Qualitäten wie z.B. gesellschaftlicher Status — hat die Warenwelt ihre möglichst große Ausdehnung erfahren. Alles spiegelt seinen Wert im abstrakt-allgemeinen Wertspiegel des Geldes. Alles kann wie Alice durch den Spiegel des Geldes schlüpfen und sich in alles Mögliche verwandeln. Die Zauberkraft des Geldes als Wertding, worin Alles sich wertmäßig spiegelt, ermöglicht dies.

Aber es gibt noch eine weitere Spielart des Werts, in der der Wertspiegel des Geldes selbst anfängt zu tanzen, und das ist die Selbstbewegung des Werts als Kapital. Indem der in Geld dinglich kristallisierte Wert selbst sich in Bewegung setzt, mobilisiert er alles Andere, nämlich die Produktionsfaktoren in einem Produktionsprozeß. Als Kapital bewegt sich der Wert in einer Kreisbewegung von Geldkapital durch Produktion und zurück zum Geldkapital. Eine solche Bewegung hat nur einen Sinn, sofern das Geldkapital, das am Anfang des Kreislaufs vorgeschossen wird, sich vom Geldkapital, das am Ende des Kreislaufs steht, unterscheidet. Da aber das Geld ein abstrakt-allgemeines Medium ist, unterscheidet es sich in sich nur quantitativ. [Das Quantitative ist ja die Abstraktion von jeder Bestimmtheit des Qualitativen.] Die Kreisbewegung des Werts muß deshalb eine sein von Geld zu mehr Geld; der Wert muß sich im Kapitalkreislauf vermehren, damit sich die Kreisbewegung nicht zerstört durch eine allmähliche Wertvernichtung des eingesetzten Kapitals. Das Kapital setzt also — unter der Regie eines einzelnen Unternehmers oder eines kollektiven Unternehmers genannt Management — ein Zusammenspiel der Produktionsfaktoren in Bewegung, das zugleich ein komplexes Spiegelspiel des Werts ist, sofern die vielen verschiedenen Produktionsfaktoren (Arbeitskräfte, Produktionsmittel, Boden) eingekauft bzw. angemietet werden müssen, und das Endprodukt dann auch verkauft werden muß, und all das unter der Grundbedingung, daß am Schluß das Spielergebnis so dasteht, daß der eingesetzte Kapitalwert sich vermehrt hat. [Mehrfach müssen sich die unterschiedlichen Waren dem Risiko der Wertspiegelung und -anerkennung auf dem Markt aussetzen, damit das umfassende Kreisspiel der Selbstverwertung des Werts insgesamt gelingt.

Die Produktivkräfte der verschiedenen Produktionsfaktoren, die das Kapital im Produktionsprozeß in Bewegung und ins Werk setzt, können technisch planbar und genau eingesetzt und gesteuert werden, so daß mit voller Vorausberechenbarkeit das jeweilige Produkt hergestellt wird, aber sämtliche Schnittstellen zum Markt bzw. zu Anderen bleiben den Schwankungen des Wertspiegelspiels ausgesetzt. Ob es dem Kapital überall gelingt, das Spiegelspiel der Verwertung des Werts erfolgreich zu spielen, ist nicht planbar, nicht kalkulierbar. Alle Wertparameter der Kreisbewegung bleiben dem Spiegelspiel selbst ausgesetzt, so daß es darauf ankommt, möglichst gut zu spielen, aber ohne Erfolgsgarantie. Fehler in der Einschätzung des künftigen Verlaufs des Wertspiegelspiels müssen möglichst rasch korrigiert werden, um die Spielstrategie möglichst auf Erfolgskurs zurückzubringen. ]

Wenn der Austauschprozeß auf dem Markt einschließlich des Marktes für Arbeitskräfte allein vom Standpunkt der menschlichen Teilnehmer betrachtet wird, dann erscheint das Marktgeschehen als ein Wertspiegelspiel, in dem menschliche Kräfte, Vermögen, Fähigkeiten entweder direkt oder indirekt als wertvoll anerkannt, honoriert und in dem Sinne 'geehrt' werden. Ein Arbeiter in diesem fundamental sozio-ontologischen Sinn ist nicht unbedingt einer, der in einer Fabrik arbeitet, sondern jeder, der Fähigkeiten welcher Art auch immer besitzt und sie gegen Geld, sei es Lohn oder Gehalt oder Honorar oder Servicegebühr etc., zur Verfügung stellt. Wir alle, die wir in einer Marktwirtschaft leben, spielen mit im Spiegelspiel der Werte, indem wir unsere Arbeitskraft in Geld honorieren lassen. Solche Wertanerkennung und Honorierung der Arbeitskraft umfaßt hier grundsätzlich auch defiziente Modi derselben, so daß selbst der Arbeitslose eine defiziente Wertanerkennung seiner Arbeitsfähigkeiten genießt oder vielmehr erleidet.

In erster Linie sind es unsere Fähigkeiten, die im Spiegelspiel des Werts eingeschätzt und monetär anerkannt werden, und nur in zweiter Linie unser gesellschaftlicher Status und Vermögensstand[, den wir durch unsere Fähigkeiten oder vielleicht durch die Fähigkeiten unserer Vorfahren im Erwerbsspiel erreicht haben]. Unser gesellschaftlicher Status als Blendwerk unseres [im etymologischen Sinn genommenen ]Prestiges(4) ist auch oft nur der Widerschein der Geldanerkennung unserer Fähigkeiten oder unseres akkumulierten Vermögens. Die Wertanerkennung unserer Fähigkeiten ist selbst ein Teilspiel des Spiegelspiels des Werts und läuft auf einen Kampf der Anerkennung hinaus. Es kommt darauf an, nicht nur Fähigkeiten genuin zu entwickeln und zu besitzen, sondern diese Fähigkeiten im Spiegelspiel des Marktes möglichst scheinen und so honorieren zu lassen. Die persönlichen Fähigkeiten müssen sich zeigen, sie müssen zur Selbstdarstellung gebracht werden, nur so kommen sie in den Genuß einer Reflexion im Wertspiegel des Geldes. Wer einer ist gesellschaftlich, ist eine Sache nicht nur der Fähigkeiten, die er ausgebildet hat und besitzt, sondern auch deren Widerspiegelung in Anerkennungsverhältnissen mit anderen. Die Achtung und Anerkennung durch andere, die man genießt oder nicht genießt, macht das Wersein mit aus, und insofern ist das Wersein ein gesellschaftliches Werverhältnis als Werspiegelspiel,(5) genauso wie das Wertsein ein gesellschaftliches Wertverhältnis als Wertspiegelspiel ist.

Die eigenen Fähigkeiten müssen nicht nur zum Scheinen gebracht werden[ in einer Selbstdarstellung, um einen Stand im Spiegelverhältnis der Anerkennung zu genießen], sondern sie müssen unausweichlich zu einem Mehrscheinen kommen gegenüber dem Scheinen der Fähigkeiten vergleichbarer Anderen, um überhaupt zu glänzen. Persönliche Fähigkeiten sind eine Art Macht, nämlich die Macht, eine Änderung, welcher Art auch immer, in der Welt hervorzubringen, wie z.B. ein Komiker die Macht besitzt, Menschen zum Lachen zu bringen. Das Bestreben, die eigenen Fähigkeiten zum Scheinen zu bringen, um in den Genuß der Anerkennung anderer und speziell in den Genuß der Geldwertanerkennung zu kommen, ist deshalb ein Machtspiel gegen andere, eine Rivalität, um die eigenen Vorzüge möglichst glänzen zu lassen. [Dieses Machtspiel wird teils anonym über den Markt und teils persönlich gegen bekannte Rivalen ausgespielt. Wie jedes Spiel einschließlich des Wertspiels ist das Machtspiel der persönlichen Fähigkeiten, um möglichst glänzend als Wer dazustehen, grundlos, sofern viele verschiedene Machtzentren gegen- und miteinander ins Spiel kommen. Selbst wo ein Ethos der Solidarität in einer Gruppe herrscht, hat diese Solidarität stets ihre Grenze in der Rivalität gegenüber einer anderen, konkurrierenden Gruppe. ]

Selbst bei der Wertanerkennung auf dem Markt von Waren, die Gebrauchswerte sind, ist die Macht im Spiel, sofern ein Gebrauchswert eine Kraft, und in dem Sinn eine Macht besitzt, irgendeine nützliche Änderung hervorzubringen, wie z.B. Schuhcreme die Kraft besitzt, die Farbe von Schuhen zu ändern bzw. zu verbessern. Solche Waren müssen sich auch auf dem Markt gegen Konkurrenzprodukte darstellen als die Träger von nützlichen und nützlicheren Kräften, um überhaupt als solche anerkannt zu werden und damit einen Wert, einen Preis erzielen zu können. Es gibt also auch ein Machtspiel und eine Rivalität unter den Waren selbst, um möglichst viel Wertanerkennung im Geldspiegel zu erhalten. Ähnliches gilt auch für die Produktionsfaktoren. Insgesamt können wir deshalb sagen, daß das Spiegelspiel des Werts auf dem Markt überhaupt in seinen vielen verschiedenen Segmenten und Facetten ein Machtspiel ist[, in dem es darum geht, Kräfte und Fähigkeiten als möglichst wertvoll gegenüber anderen anerkennen zu lassen]. Gesellschaft überhaupt ist ein Machtphänomen und ein Machtspiel um die wertschätzenden Anerkennung.

5. Zivilgesellschaft als faires Kampfspiel um die Wertanerkennung
Ist es jedoch nicht beklagenswert, daß Macht und Rivalität zum Wesenskern von dem, was Gesellschaft heißt, gehören? Hat nicht schon Marx die Verdinglichung und Entfremdung in einer Gesellschaftsform, die durch Wertdinge — vor allem durch das Geld und das Kapital — vermittelt ist, angeklagt und eine Überwindung derselben gefordert? Soll nicht Gesellschaft höhere Werte haben als die Werte, die in einem kleinlichen Ringen um Anerkennung auf dem Markt unter Dingen und Menschen zustande kommen? Ist nicht die durch Geld vermittelte Gesellschaft eine egoistische Gesellschaft, die es gilt, in eine Gesellschaft der Solidarität und des Miteinanders aufzuheben? Soll nicht der Staat einschreiten, um diesem Machtspiel aller gegen alle Einhalt zu gebieten und das gesellschaftliche Miteinander in sozialere Bahnen zu lenken?

Es hat eine eigene Bewandtnis mit dem Sollen. Das Sollen ist ohnmächtig gegenüber dem, was in einem wesenhaften Sinn ist. Freilich ist das bloß Faktische niemals wesenthaft, niemals wahr, sondern höchstens richtig und kann deshalb von einem geforderten Sollen berichtigt werden, aber das Sollen muß dem Wesen entsprechen und darf nicht gegen es sprechen, wenn es nicht abprallen will. Insbesondere bringt der Ruf nach dem Staat, um etwa eine abgesichertere oder solidarischere Gesellschaft einzurichten, lediglich nur noch eine Macht mehr — nämlich die politische Macht — ins gesellschaftliche Machtspiel und schafft keineswegs das Machtspiel aller gegen alle ab, sondern verändert bloß das Medium — nämlich die Politik im weitesten Sinn —, in dem dieses Machtspiel ausgetragen und ausgefochten wird. Alle gesellschaftliche Macht einschließlich der politischen ist wesenhaft ein Spiegelspiel der Anerkennung. Insofern bringt die Forderung, das Spiegelspiel der Wertanerkennung im Marktgeschehen um der sogenannten 'sozialen Sicherheit' willen außer Gefecht zu setzen bzw. es durch politische Machtausübung zu lenken, lediglich eine weitere, letztendlich auch unkalkulierbare gesellschaftliche Macht ins Machtspiel. Und dieses Machtspiel ist genauso geprägt durch die Spannung zwischen Besonderheit und Allgemeinheit, Selbstinteresse und Allgemeinwohl.

Das Spiegelspiel der Anerkennung als Werte unter den Dingen und den Menschen rührt daher, daß Gesellschaft als ein Miteinanderleben überhaupt ein Anerkennungsprozeß ist, und was in diesem Anerkennungsprozeß anerkannt wird, sind vor allem die nützlichen Kräfte der Dinge und die Fähigkeiten der Menschen. Dinge und Menschen taugen zu etwas, und diese Tauglichkeit wird von anderen im gesellschaftlichen Verkehr eingeschätzt, geschätzt, bewertet und anerkannt. Deshalb präsentieren sich die Waren und die Menschen auf dem Markt von ihrer besten Seite. Sie streben nach Anerkennung von anderen und bieten deshalb etwas an. Sie zeigen, was sie können. Auch wenn sie Geld dafür verlangen, der vereinbarte Tausch ist in der Regel gegenseitig gewollt und befriedigend. Beide Seiten haben etwas davon. Von einem 'puren Egoismus' im Zusammenhang mit dem gesellschaftlichen Marktgeschehen zu reden, ist deshalb insofern phänomenologisch unhaltbar, als der Andere in dieses Wertspiegelspiel wesentlich einbezogen ist und sein muß, so daß die Negation des Egoismus, nämlich der Altruismus, immer mit im Spiel ist. Die Gegenseitigkeit des Tauschspiels ist bereits die Aufhebung des bloßen einseitigen Egoismus oder des bloßen einseitigen Altruismus, und es könnte keine Gesellschaft bestehen, die rein auf dem Egoismus oder aber auf dem Altruismus beruhte. Sofern es die menschlichen Teilnehmer betrifft, bewegt sich die Wirtschaft durch das, was Menschen gegenseitig selbstinteressiert durch die Verwirklichung ihrer Fähigkeiten füreinander tun können. Insbesondere bedeutet dies, daß es keine ökonomische Wachstumgrenze gibt dafür, was Menschen kraft ihrer Fähigkeiten sich gegenseitig anzubieten haben.

Darüber hinaus ist das Gegeneinander auf dem Markt immer ergänzt durch ein Miteinander in der Produktion und sonstwo im Geschäftsleben, da keiner ohne die Kooperation mit Anderen irgendetwas zustande bringen könnte. Das Negative des Gegeneinander ist also notwendig durch das Positive des Miteinander ausgewogen und mit ihm verflochten. Aber noch mehr: das Negative des Gegeneinander ist selbst positiv, sofern es die Entwicklung und Verfestigung der eigenen Fähigkeiten fördert. Zudem liegt im Wertspiegelspiel untereinander auch die gegenseitige Anerkennung, Achtung und Ehrung der Person im allgemeinen sowie die Einschätzung und Schätzung ihrer individuellen Fähigkeiten im besonderen. Jeder kommt zu Stand, als wer er ist, nicht ohne sich selbst auch im Spiegel der Anerkennung durch Andere zu erkennen. Auch die Selbständigkeit ist eine Reflexionsbestimmung im Wechselspiel mit der Welt und vor allem mit Anderen in der Welt.

Außerdem übersieht die Klage über die Entfremdung und die Verdinglichung der gesellschaftlichen Verhältnisse in einer kapitalistischen Marktgesellschaft, daß es genau dieses abstrakte, dinglich vermittelte Miteinander ist, das die Menschen als Individuen freiläßt und sie so zum ersten Mal geschichtlich als Individuen entwirft, selbst wenn — oder vielmehr gerade weil — es sie mit Gleichgültigkeit in einen Freiraum entläßt. Abstrakte, dinglich vermittelte Vergesellschaftung eröffnet Menschen die Freiheit, sich als Individuen über vielfältige mögliche selbstgewählte Weisen ins Gesellschaftsgeschehen einbinden zu lassen.(6) Gerade die Abstraktheit, Einfachheit und Gleichgültigkeit des Geldes als Vermittlungsglied von Gesellschaft öffnen einen abstrakten Raum der Selbstgestaltung, lösen dadurch traditionelle Bindungen durch Autorität, Tradition, familiäre, geschlechtliche und stammesmäßige Machtstrukturen auf und setzen damit individuelle Frauen und Männer als Einzelne frei zur Selbstwerdung ohne die Vorbelastung ungeprüfter und so gedankenlos übernommener Bindungen. Die menschliche Freiheit ist nur als individuelle Freiheit, d.h. nicht ohne sie, gleichgültig ob der Mensch im Einzelfall sie verkraftet oder nicht. In den abstrakten Raum geldvermittelter Vergesellschaftung lassen sich in vielfältiger Weise Selbstentwurf und Selbstdefinition des Individuums einzeichnen.

Das praktizierte Ethos einer derartigen Zivilgesellschaft von freigesetzten, sich selbst definierenden Individuen im Wertspiegelspiel miteinander ist deshalb die Zivilität: das Ethos des gegenseitigen Wortgebens und -haltens, des gegenseitigen Vertrauens, der Fairneß, der Höflichkeit, sogar der Freundlichkeit. Dieses Ethos oder diese Sittlichkeit gehört mit zum Wertspiegelspiel, in dem jeder Spieler auch gegen andere bestrebt ist, seine Fähigkeiten anerkennen zu lassen, sie zum Scheinen zu bringen nicht nur im Geldspiegel, sondern auch in den Augen Anderer. Die anderen Spieler werden abstrakt-allgemein und deshalb gleich-gültig als Personen anerkannt, indem jeder Spieler sich an die allgemein gültigen Spielregeln der Fairneß hält. Im konkreten Umgang miteinander muß zudem die gegenseitige Anerkennung auch konkreter werden, indem die besonderen Fähigkeiten des Anderen nach bestimmten Gebräuchen der Höflichkeit wertgeschätzt werden. Vor allem jedoch muß das Vertrauen untereinander genährt werden durch das gegenseitige Wortgeben und -halten, denn die Bewegung der Zivilgesellschaft würde ohne das Vertrauenselement ins Stocken geraten. Das englische Wort 'fairness' kommt von 'fair', was auch 'schön' heißt, wie man auch auf Deutsch sagt, eine Sache sei "schön und recht".(7) Dies deutet darauf hin, daß das Wertspiegelspiel, auch wenn es mitunter ein hartes Gegeneinander ist, gerade wegen aller Unberechenbarkeit auch schön sein kann. Denn das Lebenselement gesellschaftlicher Freiheit — als wesentlich vergesellschafteter individueller Freiheit — ist dieses Spiel, das wie jedes Spiel wesenhaft grundlos ist.(8)




Anmerkungen
1. Zuerst am 22. Januar 2007 im Philosophischen Café Wuppertal vorgetragen. Passagen in eckigen Klammern [ ] wurden beim Vortrag ausgelassen. Der Vortrag stellt dar, wie nach 25 Jahren durch ein erneutes Durchdenken der Wertform die Rekonstruktion der Kapitalanalyse wieder in einem anderen Licht — im Licht eines sozio-ontologischen Grundbegriffs des Spiegelspiels — erscheint. Vgl. den Anhang 'A Value-Form Analytic Reconstruction of Capital' von Michael Eldred, Marnie Hanlon, Lucia Kleiber & Mike Roth in M. Eldred Critique of Competitive Freedom and the Bourgeois-Democratic State Kurasje, Copenhagen 1984. Vgl. auch M. Eldred Kapital und Technik: Marx und Heidegger Verlag J.H. Röll, Dettelbach 2000.

2. "Im Vorbeigehen" bedeutet hier, daß Böhm-Bawerk in Zum Abschluß des Marxschen Systems en passant in Frage stellt, warum die (abstrakt-allgemeine) Arbeit die Wertsubstanz ausmachen sollte (etwa im Gegenentwurf zu einer Grenznutzenlehre), aber dann seine Kritik darauf fokussiert, das sogenannte Transformationsproblem zwischen 'Arbeitswertpreisen' und Produktionspreisen als Problem einer quantitativen Preistheorie ins Visier zu nehmen. Wenn jedoch es keine Wertsubstanz überhaupt gibt (weil der Wert ein Wertspiegelverhältnis ist), dann gibt es auch überhaupt kein Transformationsproblem. Vgl. meinen Aufsatz 'Exchange, Value, Justice – Aristotle, Adam Smith,Karl Marx'.

3. "Es ist mit solchen Reflexionsbestimmungen überhaupt ein eigenes Ding. Dieser Mensch ist z.B. nur König, weil sich andre Menschen als Untertanen zu ihm verhalten. Sie glauben umgekehrt Untertanenen zu sein, weil er König ist." Das Kapital Bd. I Marx-Engels Werke Dietz Verlag, Berlin 1962/75 Bd. 23 p. 72 = MEW23:72 Fußnote 21.

4. OED: ad. L. præstigium a delusion, illusion, usually in pl. præstigiæ, illusions, juggler's tricks, for *præstrigium f. præstringere to bind fast (præstringere oculos to blindfold, hence, to dazzle the eyes.

5. Zum Wersein vgl. M. Eldred Phänomenologie der Männlichkeit als Wersein: kaum ständig noch Verlag Dr. Josef H. Röll, Dettelbach 1999.

6. "Wenn also die ökonomische Form, der Austausch, nach allen Seiten hin die Gleichheit der Subjekte setzt, so der Inhalt, der Stoff, individueller sowohl wie sachlicher, der zum Austausch treibt, die Freiheit. Gleichheit und Freiheit sind also nicht nur respektiert im Austausch, der auf Tauschwerten beruht, sondern der Austrausch von Tauschwerten ist die produktive, reale Basis aller Gleichheit und Freiheit. Als reine Ideen sind sie bloß idealisierte Ausdrücke desselben; als entwickelt in juristischen, politischen, sozialen Beziehungen sind sie nur diese Basis in einer andren Potenz." Karl Marx Grundrisse der Kritik der Politischen Ökonomie Dietz, Berlin 1974 S. 156.

7. "...daß sich etwas schöne und recht verhält" G.W.F. Hegel Vorlesungen über die Geschichte der Philosophie I Werke Band 18, Suhrkamp, Frankfurt/M. 1971 VGPI:385.

8. [Ausblick: Das Ethos der Fairneß, wenn auch kongeniales sittliches Lebenselement der wertspielvermittelten Gesellschaft, reicht freilich nicht aus, um das Spiegelspiel des Werts innerhalb der Bahnen eines fairen Spiels zu halten. Wegen des Moments des Gegeneinanders wird ein faires, schönes Spiel zuweilen unfair, häßlich. Es entsteht ein Streit darüber, wer eigentlich Recht hat. Dies kann daran liegen, daß Regeln des fairen Spiels gebrochen werden oder aber daran, daß die Spielregeln selbst unfair sind oder beides. So sind ein Schiedsrichter und ein Richter vonnöten. Der Schiedsrichter richtet über eine umstrittene Auslegung der Spielregeln — im zivilen Recht —, während der Richter die Spielregeln wieder herrichtet, wenn sie mißachtet werden, und dies ist das Strafrecht. Beide Funktionen übernimmt der Staat als die überlegene — und als solche in einem Reflexionsverhältnis anerkannte — gesellschaftliche Macht. Zudem können die Spielregeln selbst unfair sein, und dies ist die naturrechtliche Grundfrage der Gerechtigkeit. Durch Gesetz und Vorschrift ist der Staat gefordert, die Spielregeln so zu setzen, daß sie der Idee eines fairen Spiels entsprechen. So begriffen greift der Staat bei all den genannten Funktionen nicht ins Spielgeschehen ein, um bestimmte Ergebnisse zu erzwingen, sondern beschränkt sich darauf, das Spiel fair und schön zu halten, selbst wenn es hart wird und nie gegen Risiko abgesichert werden kann, es sei denn, daß die Bürger ihre individuelle Freiheit gern gegen Sicherheit unter staatlicher Herrschaft eintauschen und in dem Maße aufhören, freie Spieler zu sein. ]








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