Mittwoch, Dezember 13, 2006

Klass MARX neo-klass

Protokoll der Sitzung „Philosophie nach Marx“ vom 7.12.2006

Vorbemerkungen von Mike:
- Hinweis auf vorgenommene Korrekturen im letzten Protokoll, wo Uli Fehler entdeckt hatte.
- Seltsamerweise schreibt H. in seinen Formeln Raten (Profitrate, Mehrwertrate) stets ohne den hier üblichen Strich (p’, m’). p bzw. m ohne Strich ist eigentlich die Profitmasse bzw. Mehrwertmasse.

Robin referiert Henning Kap. 2.3 „Marx in der ökonomischen Theorie“

Kap. 2.3.1 Marx zwischen wirtschaftswissenschaftlichen Paradigmen

H. stellt die ökonomische Theorie der Neoklassik (Marshall, Keynes, Friedmann) als einen Bruch mit der Klassik (Smith, Ricardo) dar.

Marx selbst steht noch in der klassischen Tradition, wenngleich er über sie hinausgeht. Nach Marx hat somit ein Paradigmenwechsel stattgefunden. Die neoklassische Ökonomielehre scheint H. eine Reaktion auf Marx gewesen zu sein.

Kommentare
- Mike: das Paradigma, in dem Marx selber steht, wird verlassen. Er verweist auf die Grafik von Henning S. 138 (Abb. 5: Marx in der ökonomischen Wirkungsgeschichte)
- Richard: Marxvermeidung. Bei Marx war das Paradigma umfassender, nach Marx spaltet es sich in verschiedene Fächer wie Politik, Ökonomie, Soziologie
- Uli: In FN 8 tut Henning
so, als wäre die negative Reaktion auf Marx Absicht. Aber Krätke und andere bestreiten, dass z.B. Walras Marx gelesen hat. Die zeitliche und räumliche Nähe, von der H. schreibt, beweist noch nichts. Teilweise sind Schriften der Neoklassik vor Erscheinen des Kapital geschrieben worden. Zu Marx haben sie nichts zu sagen. Mike verweist auf Hennings eigene Abschwächung seiner These auf S. 139.
- Stefan: Vielleicht lässt sich der Bruch mit dem vorausgehenden Paradigma und die Durchsetzung der „unpolitischen“ Neoklassik auch aus der Vermeidung der in der marxschen Theorie mitschwingenden revolutionären Handlungsanleitungen erklären. Die Zeit war nach der verlorenen Märzrevolution 1848 (s. Link1) und der Pariser Commune (1870) von Repression und Restauration gekennzeichnet.

Die Klassik steht für die Vorstellung von heterogenen Klassen, Verteilungskämpfen und eine objektive Wertlehre (in Bezug auf Arbeit, Boden, o.ä.). Die Neoklassik beschreibt dagegen die Ökonomie mit den bekannten Angebots- und Nachfragekurven, ist statisch und stellt eine Atomisierung der Gesellschaft in nutzenmaximierende Individuen dar. (Mike: unpolitische Mikroökonomie). Die bestehende Ordnung wird legitimiert. Psychologisierung durch das Abheben auf Entscheidung von Individuen (rational choice) statt auf das Wirken objektiver Kräfte. Es gibt keine Klassen sondern nur eine grosse Gruppe von Individuen, keine Krisen, Preise sind unhinterfragt und werden passiv hingenommen.

Kommentare:
- Uli verweist auf Ortlieb (Mathematiker, EXIT!-Autor) und dessen Nachweis, dass die Thesen der Neoklassik empirisch nicht zutreffen und die mathematischen Modelle nicht mal den Kapitalismus erklären. Die Keynesianerin Joan Robinson hat gezeigt, dass dieses Modell nur für ein Gefangenenlager (inkl. Schwarzmarkt) zutreffen würde.
- Mike: es handelt sich um eine reine Zirkulationsutopie, die Produktion ist ausgeklammert
- Uli: Akkumulation findet danach kaum statt
- Robin: von Ortlieb gibt es ein Hörspiel (Link2)
Kap. 2.3.2 Marxwiderlegungen aus neoklassischer Sicht

In der Neoklassik wird von einer Grenznutzentheorie ausgegangen, in der der Preis von Angebot und Nachfrage abhängt. Die Untergrenze des Preises ist durch die Produktionskosten der AnbieterInnen, die Obergrenze durch das Nutzenkalkül der KonsumentInnen gegeben.

Uli: Die Grenznutzenkurve verflacht mit zunehmendem Konsum, wodurch eigentlich eine Umverteilung gefordert werden müsste, da der Grenznutzen bei Armen (wenig konsum) noch steil ansteigt.

Max wollte aber nicht in erster Linie den Preis bestimmen, sondern den Level, um welchen herum der Preis schwankt. Die Neoklassik kann Akkumulation, tendenziellen Fall der Profitrate und Krisen nicht erklären. Die Werte hinter den Preisen gelten ihr als Metaphysik.

Uli: Bei Marshall wird der Preis nicht erklärt sondern gesetzt, als eine Modellannahme.

Politische Implikationen der Neoklassik sind Vermeidung von Lohnforderungen und Wegdiskutieren von Krisen. Henning vermutet deswegen auch aussertheoretische Motivationen der Neoklassiker

Frage: Worin besteht der Unterschied zw. Neoklassik und Neoliberalismus? Mike: sie sind nicht synonym aber anschlussfähig (z.B. über Friedmann)

Marxwiderlegungen

Versuch 1: Marx hat bei gleichem Arbeitsaufwand teilweise unterschiedliche Preise, was laut H. leicht durch den Begriff der durchschnittlich notwendigen Arbeitszeit erklärt werden kann.

Versuch 2: Transformationsproblem von Werten in Preise (Böhm-Bawerk). In Bd. 1 des Kapital sei der Wert gleich dem Preis aber in Bd. 3 kämen noch andere Faktoren hinzu. H. erklärt, dass das Ziel der Wertlehre keine genaue Bestimmung der Preise sei, sondern nur ein durch die Ökonomie führender „roter Faden“ aufgezeigt werden soll. Ausserdem sei das Kapital anders aufgebaut (MS für Bd. 3 wurden vor Bd. 1 geschrieben)

Stefan hebt die auf S. 146 von H. etwas versteckt angesprochene Methode der politischen Ökonomie (vgl. Einleitung zu „Grundrisse der Kritik der politischen Ökonomie“) nochmal hervor, die eigentlich einen zentralen Stellenwert hat. Nicht nur das Aufsteigen von den abstrakten hin zu den konkreten Begriffen sei die analytische Bewegung, sondern auch die dem vorausgehende Dekonstruktion der herrschenden Begriffe gehört dazu. Mike: Anknüpfen an den Systemgedanken der Deutschen Philosophie. Die begrifflichen Bemühungen sind einfach notwendig. Weiter kritisiert Stefan FN 51, in der H. meint, dass sich Kap. 1 „Die Ware“ in Bd.1 des Kapital überschlagen liesse, ohne „dem Buch einen Abbruch zu tun“. Dieses Kapitel ist zentral und enthält die Wertformanalyse. „Das Kapital“ ist didaktisch aufgebaut und die Begriffe werden in ihrer logischen Abfolge entwickelt, vom Allgemeineren zum Konkreten. Mike verstärkt dies noch und hält dieses Kapitel ebenfalls für unabdingbar. Henning selbst kommt auf S. 186? darauf zurück. Die Art wie die Wertform hier abgehandelt wird ist bedauerlich. So hopp-hopp geht es nicht.

Mike: In FN 45 reagiert H. zur Widerlegung des behaupteten Transformationsproblems mit dem Hinweis, dass Manuskripte zum dritten Band vom „Kapital“ vor dem ersten verfasst
(Beispiel: "jetzt (18) 64") worden seien. Exkurs zur Werkgeschichte und den Datierungsproblemen. Bd. 1 konnte Marx noch selbst zu Lebzeiten herausgeben, bei Bd. 3 hat Engels das nehmen müssen, was er vorgefunden hatte und hat das editiert.
Uli: Kritik an H.s Auseinandersetung mit Böhm-Bawerk (und dessen Einwand in Bezug auf das Transformationsproblem) . So leicht kann das nicht vom Tisch gewischt werden (Verweis auf Steinwerk und dessen Analyse der Begriffsgeschichte von „abstrakter Arbeit“) Uli bietet an, das in einer der nächsten Sitzungen nachzuzeichnen.

Stefan findet Begriffsentwicklungen innerhalb des marxschen Werks ebenfalls spannend (besonders auch die Entwicklung des Arbeitsbegriffs, die von einem einseitigen Begriff von Arbeit als Ausbeutung im Frühwerk hin zu einer Aufhebung der Vorstellung von Ausbeutung / Nichtausbeutung bei der Arbeit im „Kapital“ geht, wo der Begriff von Arbeit zwischen abstrakter und konkreter Arbeit unterscheidet. Uli sah das etwas anders.) Es schliesst sich eine kurze Diskussion der Begriffe Arbeit, abstrakte und konkrete Arbeit an, die analog zu den Begriffen Wert, Tauschwert und Gebrauchswert verstanden werden können.

Zitat H.: „Die akademische Marxkritik [u.a. Böhm-Bawerk, Stefan] missversteht diesen Gesetzescharakter.“ S. 151 (Gemeint ist das laut H. stets geltende Wertgesetz) Daran anknüpfend die Frage von Uli, ob das plausibel sei? Hinterfragen auch des Satzes „Die in Band 1 abstrakt vorgestellten Gesetze gelten im Massstab der ‚Totalität’.“ Was solle das heissen? (Bezieht sich wohl auf das vorausgegangene Marxzitat aus Bd. 3 „die Totalität aller Produktionszweige“ wo die Summe der Preise gleich der Summe der Waren) Uli: So leicht kann man Böhm-Bawerk nicht mit den Neoklassikern in einen Topf rühren.

Kap. 2.3.3 Übernahme der Neoklassik durch Marxisten

Marxisten hätten in der Folge auch Grundannahmen der Neoklassik übernommen. Die Neoklassik ist das ab 1870 durchgesetzte Paradigma, Werttheorie erscheint als unnötiger Umweg zur Preistheorie. Bereits die Fragestellungen sorgen dafür, dass die Werttheorie unter den Tisch fällt. Aber die Arbeitswertlehre sei zentral, ohne diese geht es nicht. Besonders schwerwiegend sei, wenn der tendenzielle Fall der Profitrate aufgegeben würde (Stefan: Dazu passt dann, dass andere Krisentheorien wie die des „profit squeeze“ von H. verworfen werden (S. 84f). Heinrich (1999) meint dagegen, dass dieses Theorem nicht unverzichtbar sei.)

Robin vertieft zu Grossmann, den H. in FN 77 anspricht (Quelle: Robert Kurz in Exit Nr. 2) Grossmann unterteilt den Mehrwert in Kapitalistenkonsum und Akkumulation und letzteres wieder in fixes (c) und und variables Kapital (v). Das c wächst rascher, was laut Grossmann kurioserweise darin endet, dass Kapitalisten irgendwann nicht mehr konsumieren könnten. (vgl. Link3)

Nächste Sitzung ist am 11.1.2007 mit Uli zum Transformationsproblem und dem Rest von Robins Referat.

Links:
1. http://de.wikipedia.org/wiki/M%C3%A4rzrevolution
2. http://de.wikipedia.org/wiki/Henryk_Grossmann
3. Audio-Vortrag von C.P.Ortlieb zum Thema „Gesellschafts- & Erkenntnisform:
http://exit-online.org/textanz1.php?tabelle=autoren&index=1&posnr=233&backtext1=text1.php
4. Robin: Neuerer Text der Exit!-Gruppe zum Thema
Transformationsproblem & Okishio-Theorem:
http://www.exit-online.org/textanz1.php?tabelle=aktuelles&index=1&posnr=222

Protokoll: Stefan

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