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Montag, Oktober 31, 2011

Ivan Glaser zum KAPITAL

Nachbemerkung nach der nochmaligen Lektüre von Rubel zwischen dem 23.10. und dem 31.10.2011

An mehreren Stellen auf den letzten Seiten der Introduction von Rubel zu seiner Ausgabe bzw. Übersetzung des „Kapital“ finden sich Hinweise darauf, dass sich Marx in der Tat auf der Suche nach zusätzlichem Illustrationsmaterial für die Bücher 2 und 3 befand. Ich dokumentiere das unten unter 2.

Vorweg stelle ich fest: die Position von Rubel im Hinblick auf Marxens Arbeit am „Kapital“ nach 1867 ist insgesamt fundierter als die von Borkenau. Dies obwohl Rubel nicht sieht, dass das Jahr 1871 eine ernstzunehmende Zäsur darstellt.

Diese Zäsur bezieht sich auf die Arbeit an Entwürfen für das 2. und das 3. Buch. Die Intensität der Arbeit lässt nach. Die Manuskripte bleiben liegen. Das Ms. VIII und die mathematische Arbeit zur Profitrate, beide von Marx in seinen letzten Lebensjahren verfasst, gehören thematisch zum 3. bzw. zum 2. Buch, aber es sind selbständige Schriften.

Es ist doch schade, dass das Ms. VIII nur in der MEGA publiziert ist und auf diese Weise nur einem kleineren Kreis der interessierten Leser jederzeit zugänglich ist. Denn bei diesem Manuskript handelt es sich um die letzte zusammenhängende Arbeit von Marx zur Thematik des „Kapital“. Die Ausgabe des 2. Buches durch Engels stellt eine eigentümliche Barriere für denjenigen dar, der gerne das Manuskript auf sich wirken lassen möchte. (Engels hat das Manuskript fast vollständig bei der Redaktion und Veröffentlichung des 2 Buches, insbesondere im 3. Abschnitt, ausgeschöpft. Er hat es aber in kleinere Partien zerlegt und diese, mit Auszügen aus anderen Manuskripten vermischt, in einer Anordnung, die von jener im Manuskript abweicht, abgedruckt.)

Aber Marx hat an seinem Werk festgehalten. Daran kann vernünftigerweise nicht gezweifelt werden. Auf der einen Seite hat er eine zweite deutsche Ausgabe des ersten Bandes vorbereitet (ershienen im Jahr 1873) und sich an seiner Übersetzung ins französische beteiligt (ershienen im Jahr 1875), beides nicht ohne inhaltlich zu intervenieren. Und auf der anderen Seite war sein Entwurf zum dritten Buch weit von einer druckreifen Fassung entfernt. Was Marx da hinterlassen hat, kann inzwischen direkt der MEGA entnommen werden. Aber bereits Engels hat im Vorwort zur Edition des dritten Bandes ausführlich den weit von der Vollendung entfernten Zustand des ihm vorliegenden Textes geschildert. Borkenau unterstellt, Marx habe nach 1871 ein fast fertiggestelltes Buch in seiner Schublade aufbewahrt und der Öffentlichkeit vorenthalten. Aus inhaltlichen Vorbehalten. Dass auch Vorbehalte eine Rolle spielten, wollen wir unten unter 3 ansprechen. Sie mögen Marx gelähmt haben. Aber eine Irreführung der potenziellen Leserschaft und der Anhängerschaft - wie es sich bei Borkenau anhört- lag nicht vor.


Im Einzelnen erfordern folgende Fragen Klärung:

1. Wieso wurde der erste Band (dazu noch, abweichend von manchen Ankündigungen von Marx, nur das Buch 1 enthaltend) selbständig veröffentlicht?
2. Wo gibt es Nachweise dafür, dass Marx sich um das Illustrationsmaterial für die Bücher 2 und 3 bemühte?
3. Waren sich Marx und der ihm bei der Verfassung des „Kapital“ als Ratgeber stets zur Seite stehende Engels dessen bewusst, dass man den Charakter und die Tragweite des Inhalts der Bücher 2 und 3 wird dem kritischen Leser nur schwer vermitteln können?

Zu 1. Noch am 31. Juli 1865 bei der Arbeit wohl am Entwurf zum 3. Buch des „Kapital“ teilt Marx Engels mit, er könne das Werk nicht in Partien veröffentlichen. Das Werk sei ein artistisches Ganzes und würde das nicht zulassen. Mag sein, dass Engels bereits damals eine sukzessive Publikation der einzelnen Partien anregte. Es lässt sich belegen, dass er das ein Jahr später tat. Und Marx griff nun seinen Vorschlag auf – voraussetzend, sein Verleger Meißner wird keine Schwierigkeiten machen. Dem war aber nicht so. Meißner verwahrte sich gegen diese Idee und erklärte sich nur bereit, mit dem Druck zu beginnen , wenn er das ganze Werk in Händen hat.

An dieser Stelle ist es nicht schlecht daran zu erinnern, dass Marxens Pläne sich auf die Veröffentlichung von aus voraussichtlich auf zwei Bände sich verteilenden drei oder vier Büchern bezogen. Zu den uns vertrauten drei Büchern hätte sich ein weiteres, viertes Buch hinzugesellen sollen, das nicht systematischer sondern literaturhistorischer Natur hätte sein sollen. Die Idee wurde auch von Engels weiterverfolgt und schließlich auch insofern realisiert, als Karl Kautsky Teile des in den Jahren 1861-63 entstandenen Entwurfes unter dem Titel „Theorien über den Mehrwert“ im Jahre 1910 veröffentlichte.

Zurück zum Verleger des „Kapital“ Otto Meißner. Mit ihm hatte Marx im März 1865 einen Vertrag abgeschlossen, wonach Marx bis Ende Mai des gleichen Jahres das ganze Werk liefern werde, welches in zwei Bänden erscheinen soll. Wenn Marx 1967 in seinen Verhandlungen mit Meißner verlangte, dass ein von ihm im Jahr 1866 an den Verleger übersandter Text gedruckt werde, so verstand Marx damals noch unter dem Band 1 ein Werk, das die Bücher 1 und 2 hätte enthalten sollen und dessen Anfang (genauer: vermutlich die Abschnitte, damals Kapitel, 1-5) der Text enthielt.

Meißner wehrte sich, er blieb hartnäckig. Er wollte nicht mit dem Druck beginnen, bevor er das ganze Werk von Marx erhalten habe. Erst als Marx ihn im Frühjahr 1867 in Hamburg besuchte und ihm ein Manuskript überreichte, von dem er behauptete, dass es das erste Buch abrundet, ließ sich Meißner weich machen und stimmte dem Vorschlag zu, wonach der erste Band selbständig erscheinen wird. Was den zeitlichen Abstand zur Lieferung der Fortsetzungsmanuskripte betrifft, machte Marx Meißner gegenüber ganz unrealistische Aussagen.

Dabei bekam Meißner von Marx nicht die Bücher 1 und 2, sondern nur das Buch 1. Und auch dieses Buch hatte nicht den geplanten Umfang. Ein Abschnitt (in der damaligen Einteilung als Kapitel bezeichnet) wurde Meißner vorenthalten. Daraus kann geschlossen werden, dass Marx unbedingt veröffentlichen wollte, den Umfang des Publizierten aber möglichst klein halten wollte: erst nur einen Teil des 1. Buches (anstatt der beiden Bücher 1 und 2). Dann vorgeblich das 1. Buch vollständig. Ein Abschnitt fehlte aber immer noch. Nur besaß Meißner keinen Einblick in feinere Gliederungsangelegenheiten, so dass er sich schließlich ohne es zu durchschauen mit einem unvollständigen Text des 1. Buches begnügte.

Gegenüber meinen unglücklichen Behauptungen, dass Marx den theoretischen Gehalt seines Werkes hinter den herangezogenen historischen Illustrationen zu verstecken versuchte, möchte ich hier auf die Äußerung von Marx (im Brief an J. Ph. Becker vom 17. April 1867, geschrieben also im unmittelbaren zeitlichen Zusammenhang mit seinem Besuch bei Meißner) hinweisen, wonach das 1. Buch theoretisch einen verheerenden Schlag auf den Kopf der Bourgeoisie darstelle. Wie kann das gemeint gewesen sein? Es lohnt sich, dieser Frage nachzugehen, auch wenn Marx mit seiner Äußerung sein Vorgehen rechtfertigen wollte, wonach der erste Band für sich erscheint. Das zeigt sich u.a. daran, dass Marx im gleichen Brief Becker gegenüber seine Hoffnung ausdrückt, bereits im nächsten Jahr werde das ganze Werk, also neben dem zweiten auch ein dritter, das 3. Buch enthaltender Band, publiziert sein.

Hier der Versuch einer Antwort: Für Marx stellen einen Kern seines Werkes die Gleichstellungen von Wert und Arbeit, von Mehrwert und Mehrarbeit dar. Die Bände 2 und 3 sollen die erforderliche theoretische Fortsetzung auf der damit begonnenen Linie liefern. Aus ihnen wird sich ergeben, dass der Gewinn in all seinen Ausformungen (neben dem industriellen Profit also auch der Zins und die Grundrente) sich aus der Differenz speist zwischen dem Produktwert und dem Wert der Arbeitskraft. Die grundlegende Aufhellung dieses Punktes macht in den Augen von Marx bereits aus der Publikation des 1. Buches ein erstrangiges Ereignis. Also hätte es dafür keiner Illustrationen bedurft, obwohl auch sie die Wucht des Schlages verstärkten. Das hatte Marx – wenn man auf einen größeren Zeitraum zurückblickt – richtig eingeschätzt.

Zu 2. Nachweise dafür, dass Marx sich um das Illustrationsmaterial für die Bücher 2 und 3 bemühte, findet der Leser der Introduction auf den Seiten CXVIII f. Im Frühjahr 1868 Marx beklagt Engels gegenüber, es fehlen ihm dokumentarische Quellen. In der Ökonomie differieren die maßgeblichen Fakten erheblich von theoretischen Postulaten. Daher müsse er die nötigen Materialien sammeln (Brief an Engels vom 16. Mai 1868). Im Einklang damit drängt Marx seine in der Ferne wohnenden Freunde, ihn mit Material zu den Voraussetzungen, unter denen die landwirtschaftliche Produktion in den USA stattfindet, zu versehen, das einen anti-bourgeoisen Charakter trägt, so in einem am 4. Juli 1868 verfassten Brief an A. S. Meyer, in dem er auf seine Arbeit am 2. Band verweist.

Zu 3. Dass sich Marx oder zumindest der ihm bei der Verfassung des „Kapital“ als Ratgeber stets zur Seite stehende Engels dessen bewusst waren, dass man den Charakter und die Tragweite des Inhalts der Bücher 2 und 3 wird dem kritischen Leser schwer vermitteln können, darüber informiert Rubel die Leser seiner Introduction auf der Seite CXXIII. Das von Rubel verwendete Material bezieht sich auf die Zeit nach Marxens Tod, in der Engels an der Edition der Bücher 2 und 3 arbeitete. In seinen Briefen an Kautsky und Lavrov aus dem Zeitraum zwischen September 1883 und Juni 1884 macht Engels die Voraussage, wonach das zweite Buch die Vulgärsozialisten arg enttäuschen wird. Denn es enthalte – und das sind Äußerungen, die Engels mehrfach wiederholen wird – fast ausschließlich sehr subtile und streng wissenschaftlich ausgerichtete Untersuchungen über Angelegenheiten, die sich innerhalb der Klasse der Kapitalisten abspielen. Also nichts, woraus man spektakuläre Formeln oder Deklamationen herleiten könnte (Brief an Kautsky vom 18. September 1883). Das zweite Buch sei rein wissenschaftlich und behandelt Fragen, die sich im Verhältnis des einen Bourgeois zum anderen stellen (Brief an Lavrov vom 5. Februar 1884). Engels fügt hinzu, das dritte Buch werde dagegen Passagen enthalten, von denen er sich fragt, ob es unter den Bedingungen des Sozialistengesetzes in Deutschland werden überhaupt publiziert werden können. Hier, so meint Rubel, kommt womöglich zum Ausdruck, dass Engels selbst vom Inhalt des Nachlasses enttäuscht war. Und dass er versucht, sich selbst zu trösten.

Mittwoch, Juni 17, 2009

Darstellungsvoraussetzungen WERTFORManalyse

http://de.wiki.oekonux.org/BVW/WertUndGeld/Wert


Wert ist die zentrale Kategorie in der Analyse der Marktwirtschaft. Wert ist zugleich Bewegungsgesetz und Subjekt einer Gesellschaft, in der "die Menschen unter der Kontrolle von Dingen stehen, statt sie zu kontrollieren". Der Wert ist vergegenständlichte menschliche Arbeit, die sich als Anspruch auf Aneignung der Produkte menschlicher Arbeit schlechthin bildet - und zwar so, dass die Fundamente dieser Produktion zugleich ständig revolutioniert und sukzessive zerstört werden.

Fragen
Frage: Kann der Begriff Wert nicht unabhängig vom Begriff der Marktwirtschaft existieren?
Antwort: Die Wertabstraktion ist historisch so alt wie es Versuche gegeben hat, ein allgemeines Tauschmittel zu etablieren. Aber erst in der Marktwirtschaft durchdringt der Wert alle Poren der Gesellschaft und wird zum dominierenden gesellschaftlichen Verhältnis. Nur in der entwickelten Marktwirtschaft sind die Menschen zu hundert Prozent vom Wert abhängig geworden, ist die Eigenproduktion und Subsistenz zerstört.
Frage: Wieso soll "Wert im marktwirtschaftlichen Sinn" gleich "vergegenständlichte menschliche Arbeit" sein? Ist das genetisch gemeint als "Wert entsteht aus menschlicher Arbeit" oder ist das mechanistisch gemeint als "Wert lässt sich in menschliche Arbeit umsetzen" oder ist das analytisch gemeint als "wir wollen Arbeit als eigentlichen Wert betrachten"? Genetisch wäre der Einwand anzubringen, dass viele Werte überhaupt nicht mit Arbeit in einen quantitativen Zusammenhang zu bringen sind: wenn etwa jemand in Namibischem Wüstensand einen Diamanten findet. Mechanistisch wäre einzuwenden, dass sich der marktwirtschaftliche Wert in alles mögliche umsetzen lässt, Arbeit ist nur ein Teilaspekt. Analytisch ist diese weltanschauliche Wertung am falschen Platz: was hätte in einer automatisierten Welt die "Arbeit als zentraler Wert" für einen Sinn?
Antwort: Zunächst zur letzten Frage: gerade weil das Warensystem auf Arbeit als Wertsubstanz aufgebaut ist, ist es mit der automatisierten Welt so inkompatibel. Das hat schon Norbert Wiener festgestellt in seinem Buch "Kybernetik". ""Es kann nicht gut sein, diese neuen Kräfteverhältnisse in den Begriffen des Marktes abzuschätzen, des Geldes, das sie verdienen. Wenn man sich diese Revolution abgeschlossen denkt, hat das durchschnittliche menschliche Wesen mit mittelmäßigen oder noch geringeren Kenntnissen nichts zu verkaufen, was für irgendjemanden das Geld wert wäre. Die Antwort ist natürlich, dass wir eine Gesellschaft haben müssen, die auf menschliche Werte gegründet ist und nicht auf Kaufen und Verkaufen."(Kybernetik, 59ff)

erkenntnistheoretisches
Frage: Was ist in dem Zusammenhang mit Kategorie gemeint?
Antwort: Kategorien sind Eigenschaftsbestimmungen für eine große Menge an Gegenständen. Ursprünglich kommt der begriff vom griechischen "kategorein", urteilen."Kategorien (katêgoriai von katêgorein, aussagen, »praedicamenta«): Aussagen, allgemeinste oder Grundaussagen über das Seiende, Grundbegriffe, Stammbegriffe, oberste Begriffe als Niederschlag von allgemeinsten Urteilen über das Seiende, Fundamentalbeurteilungen, Denkformen, Denksetzungen, Seinsarten. Die logischen Kategorien sind die allgemeinsten Begriffe, welche aus der denkenden Verarbeitung der Erfahrungsinhalte entspringen. Sie sind nicht direkt aus der Erfahrung (den Empfindungen, Vorstellungen) abstrahiert, sondern haben in dieser nur ein »Fundament«, d.h. die Erfahrung (das Gegebene) enthält Momente, die zur Setzung der Kategorien veranlassen, nötigen." Rudolf Eisler, Wörterbuch der philosophischen Begriffe,1904,http://www.textlog.de/3784.html. Der Wert ist nicht als solcher der Erfahrung zugänglich, sondern wird als Einheit, Identität, Substanz und Wirkkraft den verschiedenen Phänomenen der Marktwirtschaft als "inneres Band" unterstellt. Ganz ähnlich wie z.B. "Gravitation" in der Physik den Gesetzen des Falls zugrunde liegt und eine dem äußeren Augenschein nicht zugängliche innere Beziehung zwischen Objekten ausdrückt.
Frage: Wie kommt man von obiger "struktureller Aussage" zu einer beschreibenden Definition?
Antwort: die obige Aussage ist keine Definition, sondern eben nicht mehr als eine strukturelle Aussage. Die Definition ist eine schwierige Geschichte. Die Kopula "ist" im Urteil verbindet ja immer nichtidentisches. Das heißt, ich setze mit jedem Satz eine Darstellungsvoraussetzung, die dann einzuholen ist. Die beste Literatur die ich dazu kenne ist "Die Ware" von Heinrich Brinkmann (Die Ware. Zu Fragen der Logik und Methode im "Kapital". Eine Einführung (= Argumentationen Band 22)Brinkmann, Heinrich, Focus, Gießen 1975)sowie Volkbert M. Roth, Zum wissenschaftlichen Anspruch der Wertformanalyse: AUFGREIFEN aus dem Alltagsverständnis der Realität, HERLEITEN von Analyse-Kategorien, Begründung von DARSTELLUNGSVORAUSSETZUNGEN. Eine sozialphilosophische Studie, Habilitationsschrift Universität Konstanz 1976. Im Netz gibt´s ein schönes Papier dazu: http://www.docaugustin.de/marx/texte/0Marx04c1.pdf)
//Alles nach und nach jetzt(auch) hier in diesem blog ...//

Daraus ein kurzer Auszug:
"Die dialogische „Prozedur, welcher sich das natürliche Bewusstsein bei dem Eintritt in das spekulative Denken unterwirft“ lässt sich kurz so summieren:
1. „Das spekulative (systematische) Denken mutet an keiner Stelle dem natürlichen Bewusstsein (Alltagsverständnis) zu, sich aufzugeben. Vielmehr baut es auf diesem in einer eigentümlichen Art auf und überführt es in etwas, was immer noch es selbst und zugleich nicht mehr es selbst ist.“
2. Das „natürliche Bewusstsein“ darf „auf seinen sämtlichen Erfahrungen beharren – unter der Voraussetzung, dass es die Geltendmachung seiner Erfahrungen dem Anspruch des spekulativen Denkens unterwirft, sich von diesem den systematischen Ort vorschreiben lässt, an dem es jeweils mit seinem Erfahrungen argumentiert. ... es muss bereit sein, Einwände zurückzustellen, bis die systematische Theorie die Stelle erreicht hat, wo sie erörtert werden sollen.“
3. In der „Artikulation seiner Einwände ist am Anfang des systematischen Vorgehens das natürliche Bewusstsein“ unbeschränkt. „Der mit der Systematisierung der Erfahrungen“ – des Alltags – „einhergehende kategoriale Fortschritt grenzt dann die Möglichkeiten ein, wie das natürliche Bewusstsein“ –im Dialog mit dem systematischen Denken – „seine Erfahrungen einbringen kann.“
4. „Die Analyse endet dort, wo das natürliche Bewusstsein die Herkunft der in ihm herrschenden Kategorien aus den durch die systematische Analyse aufgedeckten ... Verhältnissen erkannt hat ... Damit hat sich das natürliche Bewusstsein im systematischen spekulativen Denken aufgehoben ohne je seine Erfahrungen aufgegeben haben zu müssen.“
Roth nennt diesen Prozess das "Aufheben von Darstellungsvoraussetzungen".
Wenn man diese Aussagen ernst nimmt, dann ist der Begriff des Werts die Darstellung der kapitalistischen Gesellschaft selbst. Der Wert ist kein "Pattern", sondern "Pattern von Patterns". Jedes Pattern (zum Beispiel Geld) ist gemäß dem schrankenlosen Anspruch des Werts partielle Einlösung, verweist aber über sich selbst hinaus auf immer neue Patterns (zum Beispiel Kapital) - schließlich auf eine Totalität von Verhältnissen, unter denen die Wertabstraktion sich immer weiter entfaltet. Unsere subjektive Erfahrung in den letzten Jahrzehnten ist eine, die durchaus diese Totalisierung immer plausibler einzuholen imstande ist. Ich tue mir heute leichter mit dem "Beweis" des Werts als noch vor drei Jahrzehnten. Aber das ist überhaupt nichts Erfreuliches. "Abstraktionen in der Wirklichkeit geltend machen heißt Wirklichkeit zerstören" wusste schon Hegel. Heute ist der Wert an seinem logischen und historischen Ende angelangt. Aber das bedeutet einen riesigen Zusammenbruchs- und Transformationsprozess, der sehr schmerzhaft sein kann.
Wie man den Wert "beweist"?`
Nun, indem man drauf hinweist, dass z.B. nichts auf der Welt der Frage entgeht, wieviel es "wert ist". Also der totalisierende Zugriff des Marktes ist dem Alltagsbewusstsein durchaus bekannt.
Ich kann auch drauf hinweisen, dass alles was heutzutage produziert wird mehr oder weniger Industrieware ist, also kalkuliert zwischen Gestehungskosten und Marktpreis. Ich muss aber das "natürliche Bewusstsein" darauf hinweisen, dass im Preis zugleich der Wert ausgelöscht erscheint, die Preise sich zirkulär aus sich selbst begründen und die Verteilung der Revenuen zwischen Kapital, Boden und Arbeit den Anschein erweckt, als würde jede dieser Revenuequellen einen Beitrag zum Neuwert leisten. Ich kann auf die Paradoxien dieser "Erklärung" hinweisen, aber um das reale Verhältnis zu begreifen muss ich die Stufen der Entwicklung der Wert - "Patterns" nachvollziehen.
Diskussion
Franz Nahrada:Der Wert ist die zentrale Kategorie in der Analyse der Marktwirtschaft, oder genaugenommen die Folge der Wertformen, die sich notwendig auseinander ergeben: Relative Wertform, Äquivalentform, allgemeine Äquivalentform, Geld, Schatz, Kapital, produktives Kapital, Warenhandlungskapital, zinstragendes oder Finanzkapital, Aktienkapital, Nationalkredit, Weltgeld.
Wert kennt keine Bewegung außer der quantitativen Vermehrung; er muss sich dazu aber aus einer Form in die andere verwandeln, das "Risiko des Produktionsprozesses" auf sich nehmen, in dem die einzige Ware konsumiert wird, die in ihrer Konsumtion regelmäßig mehr Wert schafft als sie selbst gekostet hat: die Arbeitskraft.
Seiner Substanz nach ist der Wert die "tote Arbeit", das Resultat der Verausgabung menschlicher Arbeitskraft im Arbeitsprozess, das sich auf die Herstellung von Waren richtet. Paradoxerweise richtet sich die Anstrengung aller Produzenten darauf, in ihren Waren mindestens gesellschaftlich notwendige Arbeitszeit zu repräsentieren; Arbeitszeit die darüber hinaus geleistet wurde schafft keinen Wert. Darin liegt eigentlich auch schon das Geheimnis der desaströsen Konsequenz der Wertvergesellschaftung.
A.F.: siehe meine Bemerkung beim Begriff "Gebrauchswert"

BVW/WertUndGeld/Wert (zuletzt geändert am 2006-01-22 23:00:43 durch Franz Nahrada)


Dieses Werk ist lizensiert unter einer Creative Commons Lizenz

Sonntag, April 26, 2009

Dialog und systematische Darstellung




RULES OF THE GAME
-oder: zur Methode einer zeitkritischen Sozialphilosophie
In der von Kuno Lorenz herausgegebenen Lorenzenfestschrift „Konstruktionen versus Positionen. Beiträge zur Diskussion um die konstruktivistische Wissenschaftstheorie“ (Berlin / N.Y. 1979) hat Ivan Glaser unter dem Titel „Das dialektische Denken und das natürliche Bewusstsein“ die Rolle der Alltagssprache, in der das Alltagsverständnis der Alltagspraxis des Lebens in der gegenwärtigen gesellschaftlichen Lebensform formuliert wird, beim Aufbau einer systematischen philosophischen Reflexion dieser unserer Lebensform thematisiert. Bei unseren Erlanger Lehrern Kamlah, Lorenzen, Lorenz und Mittelstraß waren wir in den mittleren 60ern in eine gründliche Vorschule vernünftigen Redens als Proponenten und Opponenten gegangen, die insbesondere Wert auf die Klärung der Spracheinführung (aus gemeinsamer Praxis) legte. Siehe dazu: Volkbert M. Roth: Vier Stufen der Spracheinführung , in: Jürgen Mittelstraß / Manfred Riedel: Vernüftiges Denken (Wilhelm Kamlah zum Gedächtnis), Berlin / N.Y. 1978, 71 –86 und: Wege \ Wittgen_Steine, in: Michael Astroh, Dietfried Gerhardus, Gerhard Heinzmann, Hg., Dialogisches Handeln. Eine Festschrift für Kuno Lorenz, HD / Berlin 1997, 427 – 438 sowie: Dialog und Leben im Bachtin-Kreis. Zur Leningrader Sprachphilosophie, in: Dascal/Gerhardus/Lorenz,Hg., Handbuch Sprachphilosophie, 1. Halbband, 685ff, Berlin / N.Y. 1992.
Die dialogische „Prozedur, welcher sich das natürliche Bewusstsein bei dem Eintritt in das spekulative Denken unterwirft“ (Glaser nimmt hier Hegel´sche Redeweise auf, die Entsprechungen sind im Folgenden in Klammern gesetzt) lässt sich kurz so summieren:
1. „Das spekulative (systematische) Denken mutet an keiner Stelle dem natürlichen Bewusstsein (Alltagsverständnis) zu, sich aufzugeben. Vielmehr baut es auf diesem in einer eigentümlichen Art auf und überführt es in etwas, was immer noch es selbst und zugleich nicht mehr es selbst ist.“
2. Das „natürliche Bewusstsein“ darf „auf seinen sämtlichen Erfahrungen beharren – unter der Voraussetzung, dass es die Geltendmachung seiner Erfahrungen dem Anspruch des spekulativen Denkens unterwirft, sich von diesem den systematischen Ort vorschreiben lässt, an dem es jeweils mit seinem Erfahrungen argumentiert. ... es muss bereit sein, Einwände zurückzustellen, bis die systematische Theorie die Stelle erreicht hat, wo sie erörtert werden sollen.“
3. In der „Artikulation seiner Einwände ist am Anfang des systematischen Vorgehens das natürliche Bewusstsein“ unbeschränkt. „Der mit der Systematisierung der Erfahrungen“ – des Alltags – „einhergehende kategoriale Fortschritt grenzt dann die Möglichkeiten ein, wie das natürliche Bewusstsein“ –im Dialog mit dem systematischen Denken – „seine Erfahrungen einbringen kann.“

4. „Die Analyse endet dort, wo das natürliche Bewusstsein die Herkunft der in ihm herrschenden Kategorien aus den durch die systematische Analyse aufgedeckten ... Verhältnissen erkannt hat ... Damit hat sich das natürliche Bewusstsein im systematischen spekulativen Denken aufgehoben ohne je seine Erfahrungen aufgegeben haben zu müssen.“

Vgl. auch: Volkbert M. Roth, Zum wissenschaftlichen Anspruch der Wertformanalyse: AUFGREIFEN aus dem Alltagsverständnis der Realität, HERLEITEN von Analyse-Kategorien, Begründung von DARSTELLUNGSVORAUSSETZUNGEN. Eine sozialphilosophische Studie, Habilitationsschrift Universität Konstanz 1976

Fortschritt (fast) überall, doch ? Mio hungern etc. ( www.fao.org )
Tendenz: seit 1999 wieder steigend.